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olli76.
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26. März 2010 um 00:25 #523
olli76ModeratorEs war einmal, vor unendlich langer Zeit, da lebte in Aventurien eine
Eidechse nahe eines Flusses, und ihr Name war Ingval. Ingval sonnte
sich gern, denn sie liebte die Wärme, und des Nachts, wenn es dunkel
wurde, legte sie sich unter einen Stein, um zu schlafen. Es gab viele
Steine dort, wo Ingval wohnte. Viele Steine. Und den Fluss. Und dann
– so weit ihr Auge reichte – wieder Steine. So lebte Ingval viele Jahre
lang – wachend, schlafend und genießend – und war es zufrieden.
Doch eines Tages, sie räkelte sich gerade wieder genussvoll in der
wärmenden Sonne, hörte sie ein Rauschen in der Luft über sich und
verwundert hob sie ihren kleinen Drachenkopf in die Höhe und blickte
zum Himmel auf. – Platsch! fiel ein Wassertropfen auf ihre Nüstern –
Plitsch! – Ein weiterer! Und dann – immer mehr Wassertropfen,
schillernd im Licht, plitsch! – ein vierter und fünfter, und bald war
nicht nur Ingval, waren auch alle Steine um Ingval her und selbst der
Fluss, an dem sie lebte, ein Meer aus Tropfen, die sich aus dem Blau
über ihr lösten und auf die Erde fielen und die sprangen und hüpften,
wenn sie den Boden berührten und in Tausende kleinster und aber kleinster
Tropfen zerplatzten.
Und wie Ingval verwundert die schuppige Haut runzelte unter dem
sonderbaren, unbekannten Gefühl und ihr Köpfchen den Tropfen
entgegenreckte, blinzelnd, da immer wieder etwas des springenden
Wassers ihre Augen traf, erstarrte sie mit einem Mal in vollkommener
Reglosigkeit. Zwischen Sonne und Tropfen hatte sich etwas verändert
im Blau über ihr. Und was sie dort sah, verzückte sie. Und mit diesem
einen Blick, den sie gen Himmel tat, veränderte sich ihr Leben …
Hoch über ihr schwebte, inmitten des azurenen Himmels, ein Bogen
aus schillerndem Licht, eine Brücke aus Farben, ein Regenbogen. Ingval
kannte keine Farben, in ihrem Leben hatte es bislang nur das Blau des
Wassers und des Himmels und das Grau der Steine gegeben. Auch
wusste sie nicht, was eine Brücke ist, denn eine Brücke trägt ein Wesen
von einem Ort zu einem anderen, und Ingval hatte Zeit ihres Lebens
an demselben Fluss gelebt. Wer eine Brücke überquert, der hat ein Ziel.
Und wer ein Ziel hat, der hat Träume, die er zu erreichen sucht. Ingval
aber hatte sich noch nie gefragt, was hinter den Steinen liegen könnte.
Auch hatte sie noch nie geträumt.
Doch wie sie nun auf die Farben über ihr blickte, da erwachte ein
Wunsch in ihr – sie wollte wachsen, wollte sich erheben in den
Himmel, so hoch, dass sie den Bogen berühren könnte, um einzutauchen
in diese fremde Welt aus Licht und Farben – zu sehen, wie der
Fluss und die Steine und sie selbst von dort aus beschaffen sein
könnten. Und Ingval träumte sich einen Hügel aus Farben, der
wachsen möge, seine Arme gen Himmel strecken – immer weiter und
höher – und über diesen Traum schlief sie ein.
Als sie erwachte, hatte ein neuer Tag begonnen. Der Regenbogen war
fort und mit ihm die Farben und die Tropfen und das irisierende Licht.
Doch neben ihr, am Ufer des Flusses, war etwas, das zuvor nicht dort
gewesen war – ein kleiner Eichensprössling, mit Blättern und junger,
borkiger Haut, der seine dünnen Ärmchen dem Himmel entgegenreckte.
Noch war er kaum größer als Ingval selbst – und doch wußte sie mit
einem Mal, dass er wachsen würde – so hoch und so weit, bis er das
Himmelsgewölbe berührte. Und dass er ihre Brücke sein würde, die sie
hinauftrüge, ihr Begleiter, der ihr die Welt zeigen würde, wie sie sie
noch nie zuvor gesehen hatte.
So vergingen die Jahre, und der Baum der kleinen Eidechse wuchs und
wuchs – und sein Stamm wurde groß und fest, seine Haut wurde
borkig, um Ingvals Füßen Tritt zu bieten, auf dass sie an ihm
emporklettern konnte. Wenn die Sonne durch sein Blätterdach fiel,
dann brachte er das irisierende Licht zurück, und wenn er durstig war,
dann kam der Regen und mit ihm die Brücke aus Farben. Auch Ingval,
deren Körper bislang grau gewesen war, veränderte sich: Ihre schuppige
Haut begann im Licht zu schillern, je näher sie dem Himmel kam, und
bald waren alle Farben des Regenbogens ein Teil ihres Körpers
geworden.
Und eines Tages, der Baum war nunmehr so sehr gewachsen, dass
Ingval sein rauschendes Haupt nicht mehr ausmachen konnte, wenn sie
vom Boden aus zu ihm hinauf blickte, gingen sie gemeinsam fort von
dem Fluss, brachen auf, zu erkunden, was hinter den Steinen läge.
Ingval saß auf der Schulter des Baumes, in eine Astgabel geschmiegt,
und nachts, wenn sie müde war, rasteten sie. Und wo sie Rast machten,
da brach die Eiche einen kleinen Ast aus ihrem Blätterhaupt und
Ingval kletterte hinab und verscharrte ihn im Boden, auf dass auch er
wachsen möge und anderen, die kämen, erzählen könnte von Schöpfung
und Neubeginn, von Sehnsucht und von den Träumen, die Leben
schaffen.
Andere Wesen auf Dere hörten von dem Wunder, das Ingval geschehen
war und sie zogen aus, den Wald aus Eichen und Steinen zu sehen und
es gefiel ihnen dort so gut, dass sie blieben, um hier zu leben. Insekten
kamen und Vögel, Blütenjungfern und Bären, Einhörner und Goblins,
Wildschweine und Eichhörnchen, Fische, Hasen und auch Menschen.
Sie alle lebten gemeinsam unter dem grünen Blätterdach des
Steineichenwaldes. Und zu Ehren der kleinen Echse gaben die Menschen
dem Fluss, der durch den Steineichenwald floss, ihren Namen: Ingval.
Der König dieses Waldes, der Herr über Tiere und Pflanzen und alle
Bäume aber, war der Eichenkönig – jener allererste Baum, der dereinst
aus den Träumen Ingvals geboren worden war. Er war ein gütiger
Herrscher, denn er liebte das Leben, genauso wie die Herrin Tsa, die
junge Göttin selbst das Leben liebt.
Noch heute streift der Eichenkönig durch unsere Wälder, getrieben von
den Träumen der kleinen Echse in seinen Armen, und wer ihn trifft,
dem erfüllt er vielleicht einen Wunsch; ganz so, wie er Ingval dereinst
ihren Herzenswunsch erfüllte. Doch vernimmt er nur die Stimme von
jenen, die seiner Schöpferin im Herzen nahe sind – Tsa, der jungen
Göttin, deren zu Leben erwachter Traum sein mächtiger Körper und
der seiner Kinder und Kindeskinder ist. Seine Heimstatt liegt irgendwo
in den Tiefen des Steineichenwaldes, dort, wo Ingval ihren ersten
Traum träumte. Im Kreise seiner Kinder hält er Hof und lässt sich
von den Baumfeen umschwärmen, die die Gefährten seiner Sprösslinge
sind.
Und solange wir, du und ich, ihn und seine Kinder ehren, wird uns in
seinem Reich kein Leid geschehen.
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