Die Mär vom Eichkönig

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    olli76
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    Es war einmal, vor unendlich langer Zeit, da lebte in Aventurien eine

    Eidechse nahe eines Flusses, und ihr Name war Ingval. Ingval sonnte

    sich gern, denn sie liebte die Wärme, und des Nachts, wenn es dunkel

    wurde, legte sie sich unter einen Stein, um zu schlafen. Es gab viele

    Steine dort, wo Ingval wohnte. Viele Steine. Und den Fluss. Und dann

    – so weit ihr Auge reichte – wieder Steine. So lebte Ingval viele Jahre

    lang – wachend, schlafend und genießend – und war es zufrieden.

    Doch eines Tages, sie räkelte sich gerade wieder genussvoll in der

    wärmenden Sonne, hörte sie ein Rauschen in der Luft über sich und

    verwundert hob sie ihren kleinen Drachenkopf in die Höhe und blickte

    zum Himmel auf. – Platsch! fiel ein Wassertropfen auf ihre Nüstern –

    Plitsch! – Ein weiterer! Und dann – immer mehr Wassertropfen,

    schillernd im Licht, plitsch! – ein vierter und fünfter, und bald war

    nicht nur Ingval, waren auch alle Steine um Ingval her und selbst der

    Fluss, an dem sie lebte, ein Meer aus Tropfen, die sich aus dem Blau

    über ihr lösten und auf die Erde fielen und die sprangen und hüpften,

    wenn sie den Boden berührten und in Tausende kleinster und aber kleinster

    Tropfen zerplatzten.

    Und wie Ingval verwundert die schuppige Haut runzelte unter dem

    sonderbaren, unbekannten Gefühl und ihr Köpfchen den Tropfen

    entgegenreckte, blinzelnd, da immer wieder etwas des springenden

    Wassers ihre Augen traf, erstarrte sie mit einem Mal in vollkommener

    Reglosigkeit. Zwischen Sonne und Tropfen hatte sich etwas verändert

    im Blau über ihr. Und was sie dort sah, verzückte sie. Und mit diesem

    einen Blick, den sie gen Himmel tat, veränderte sich ihr Leben …

    Hoch über ihr schwebte, inmitten des azurenen Himmels, ein Bogen

    aus schillerndem Licht, eine Brücke aus Farben, ein Regenbogen. Ingval

    kannte keine Farben, in ihrem Leben hatte es bislang nur das Blau des

    Wassers und des Himmels und das Grau der Steine gegeben. Auch

    wusste sie nicht, was eine Brücke ist, denn eine Brücke trägt ein Wesen

    von einem Ort zu einem anderen, und Ingval hatte Zeit ihres Lebens

    an demselben Fluss gelebt. Wer eine Brücke überquert, der hat ein Ziel.

    Und wer ein Ziel hat, der hat Träume, die er zu erreichen sucht. Ingval

    aber hatte sich noch nie gefragt, was hinter den Steinen liegen könnte.

    Auch hatte sie noch nie geträumt.

    Doch wie sie nun auf die Farben über ihr blickte, da erwachte ein

    Wunsch in ihr – sie wollte wachsen, wollte sich erheben in den

    Himmel, so hoch, dass sie den Bogen berühren könnte, um einzutauchen

    in diese fremde Welt aus Licht und Farben – zu sehen, wie der

    Fluss und die Steine und sie selbst von dort aus beschaffen sein

    könnten. Und Ingval träumte sich einen Hügel aus Farben, der

    wachsen möge, seine Arme gen Himmel strecken – immer weiter und

    höher – und über diesen Traum schlief sie ein.

    Als sie erwachte, hatte ein neuer Tag begonnen. Der Regenbogen war

    fort und mit ihm die Farben und die Tropfen und das irisierende Licht.

    Doch neben ihr, am Ufer des Flusses, war etwas, das zuvor nicht dort

    gewesen war – ein kleiner Eichensprössling, mit Blättern und junger,

    borkiger Haut, der seine dünnen Ärmchen dem Himmel entgegenreckte.

    Noch war er kaum größer als Ingval selbst – und doch wußte sie mit

    einem Mal, dass er wachsen würde – so hoch und so weit, bis er das

    Himmelsgewölbe berührte. Und dass er ihre Brücke sein würde, die sie

    hinauftrüge, ihr Begleiter, der ihr die Welt zeigen würde, wie sie sie

    noch nie zuvor gesehen hatte.

    So vergingen die Jahre, und der Baum der kleinen Eidechse wuchs und

    wuchs – und sein Stamm wurde groß und fest, seine Haut wurde

    borkig, um Ingvals Füßen Tritt zu bieten, auf dass sie an ihm

    emporklettern konnte. Wenn die Sonne durch sein Blätterdach fiel,

    dann brachte er das irisierende Licht zurück, und wenn er durstig war,

    dann kam der Regen und mit ihm die Brücke aus Farben. Auch Ingval,

    deren Körper bislang grau gewesen war, veränderte sich: Ihre schuppige

    Haut begann im Licht zu schillern, je näher sie dem Himmel kam, und

    bald waren alle Farben des Regenbogens ein Teil ihres Körpers

    geworden.

    Und eines Tages, der Baum war nunmehr so sehr gewachsen, dass

    Ingval sein rauschendes Haupt nicht mehr ausmachen konnte, wenn sie

    vom Boden aus zu ihm hinauf blickte, gingen sie gemeinsam fort von

    dem Fluss, brachen auf, zu erkunden, was hinter den Steinen läge.

    Ingval saß auf der Schulter des Baumes, in eine Astgabel geschmiegt,

    und nachts, wenn sie müde war, rasteten sie. Und wo sie Rast machten,

    da brach die Eiche einen kleinen Ast aus ihrem Blätterhaupt und

    Ingval kletterte hinab und verscharrte ihn im Boden, auf dass auch er

    wachsen möge und anderen, die kämen, erzählen könnte von Schöpfung

    und Neubeginn, von Sehnsucht und von den Träumen, die Leben

    schaffen.

    Andere Wesen auf Dere hörten von dem Wunder, das Ingval geschehen

    war und sie zogen aus, den Wald aus Eichen und Steinen zu sehen und

    es gefiel ihnen dort so gut, dass sie blieben, um hier zu leben. Insekten

    kamen und Vögel, Blütenjungfern und Bären, Einhörner und Goblins,

    Wildschweine und Eichhörnchen, Fische, Hasen und auch Menschen.

    Sie alle lebten gemeinsam unter dem grünen Blätterdach des

    Steineichenwaldes. Und zu Ehren der kleinen Echse gaben die Menschen

    dem Fluss, der durch den Steineichenwald floss, ihren Namen: Ingval.

    Der König dieses Waldes, der Herr über Tiere und Pflanzen und alle

    Bäume aber, war der Eichenkönig – jener allererste Baum, der dereinst

    aus den Träumen Ingvals geboren worden war. Er war ein gütiger

    Herrscher, denn er liebte das Leben, genauso wie die Herrin Tsa, die

    junge Göttin selbst das Leben liebt.

    Noch heute streift der Eichenkönig durch unsere Wälder, getrieben von

    den Träumen der kleinen Echse in seinen Armen, und wer ihn trifft,

    dem erfüllt er vielleicht einen Wunsch; ganz so, wie er Ingval dereinst

    ihren Herzenswunsch erfüllte. Doch vernimmt er nur die Stimme von

    jenen, die seiner Schöpferin im Herzen nahe sind – Tsa, der jungen

    Göttin, deren zu Leben erwachter Traum sein mächtiger Körper und

    der seiner Kinder und Kindeskinder ist. Seine Heimstatt liegt irgendwo

    in den Tiefen des Steineichenwaldes, dort, wo Ingval ihren ersten

    Traum träumte. Im Kreise seiner Kinder hält er Hof und lässt sich

    von den Baumfeen umschwärmen, die die Gefährten seiner Sprösslinge

    sind.

    Und solange wir, du und ich, ihn und seine Kinder ehren, wird uns in

    seinem Reich kein Leid geschehen.

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